Lyrik und Prosa - Ursula Link

Komm her, Großmütterchen

Komm her, Großmütterchen, lass uns ein Spiel spielen.

Na, sei nicht so schüchtern, ich tu dir nichts.

Komm, setz dich her zu mir.

Lass uns ein bisschen reimen. Das kannst du doch noch.

 

Sag mir, Großmütterchen, was reimt sich auf alt?

So, du meinst bald?

Sag noch ein Wort!

Kalt.

 

Alt, bald, kalt.

Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald.

Das ist‘s, Großmütterchen!

Alt, bald, kalt,Wald.

 

Finster wird das Haus.

Das Spiel ist aus. 

 

Närrische Tage

Sie hatte Mühe, bis zu dem Haus voranzukommen.

Menschen in fantasievollen Masken, bunt Kostümierte, säumten den Weg. Man hielt sie fest, an der Schulter, nahm ihre Hände, zog sie weg zum Mittanzen. Mitfeiern soll sie. Sie brauchte für das kleine Stück von der Bushaltestelle bis zum Haus fast eine halbe Stunde.

Sie hört die heranmarschierenden Musikkapellen, als sie den Hauseingang erreicht hat. „Helau, helau“, das Gejohle steigert sich. Sie drückt den Klingelknopf. Noch einmal. Schritte jetzt. Man öffnet ihr. Man kennt sie. Sie steigt die Treppe hinauf, geht entlang der stummen Türen in dem dunklen Gang. Sie klopft an seine Tür. Noch einmal. Nichts regt sich in seinem Zimmer. Sie geht hinein.

Man hat ihn auf einen Stuhl gesetzt. So, dass er, wenn er wollte, zum Fenster hinausschauen könnte. Sie holt sich den Hocker vor seinem Waschbecken und setzt sich zu ihm, sodass er sie ansehen könnte. Er lächelt. Er sagt:

„Guten Tag, gnädige Frau!“

„Erkennst du mich?“

Er antwortet nicht, sein Gesicht hat das Lächeln verloren, ist  wieder zur Maske erstarrt. Er hebt die Hand, dreht und dreht mit dem linken Daumen und Zeigefinger den zu groß gewordenen Ehering. Sie gibt jeden weiteren Versuch auf, bleibt nur still vor ihm sitzen. Und manchmal schaut sie ihn an.

Vor dem Fenster sieht sie den Faschingszug. Die Musikgruppen, von denen hier drinnen kein Laut zuhören ist. Er hat das närrische Treiben geliebt. Marschieren, tanzen, singen, feiern.

Er hätte sie an der Hand fassen, sie mitnehmen, sie festhalten sollen. Sie nimmt ein Taschentuch und wischt ihm den Speichel aus seinem Mundwinkel. „Nein“, sagt er und schlägt nach ihrer Hand. Sie muss lachen, kann gar nicht mehr aufhören. Sie schiebt den Hocker vor sein Waschbecken, er blickt sie an. „Geh!“, sagt er.

Die Straße vor seinem Fenster ist jetzt leer. Es wird leichter sein, draußen voranzukommen.

 

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Ursula Link Wetteratur Literatur Rockenberg